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Ein Seelsorger aus lebenslanger Berufung

Altenkirchen - Ein Nachmittag Ende August. Das Altenheim Theodor-Fliedner-Haus im Westerwald liegt im lange herbeigesehnten Sonnenschein, die Bäume in den Anlagen rauschen, und einige Bewohner genießen das gute Wetter auf der Terrasse oder auf einer der Bänke. Wim Schellekens aber hat zu tun. Als die Journalistin an die Tür seines Zimmers klopft, da widmet sich der Pater gerade intensiv seinem Stundengebet. Er blickt auf und grüßt freundlich, wirkt aber dennoch ein bisschen nervös. Es stellt sich heraus, dass sich noch ein weiterer Gast angekündigt hat, und nun befürchtet „Pater Wim“, dass alles ein wenig knapp werden könnte. Dann aber schiebt er die Bedenken beiseite und bittet zum Gespräch an den Tisch.

Das alles wäre im Grunde nicht erstaunlich, denn es gibt im Theodor-Fliedner-Haus viele Bewohner, die fit genug sind, um sich angeregt mit Besuchern zu unterhalten. Wim Schellekens allerdings wird am 15. September 100 Jahre alt, und das ist wirklich ein besonderes Ereignis. „Das kommt hier nicht so oft vor“, scherzt er. „Ich hatte auch nicht damit gerechnet.“ Pater Wim wirkt vital wie ehedem, und er hat sich auch sein gepflegtes Äußeres und seinen feinen Humor erhalten. „Ich esse viel, aber ich brauche mehr Schlaf“, lacht er. Gesundheitlich gehe es ihm den Umständen entsprechend „redlich gut“. Deshalb ist er auch gespannt, was ihn an seinem Jubiläum erwarten wird. „Die Gäste empfange ich von 10 bis 12 Uhr, nicht den ganzen Tag“, sagt er und meint, dass sicher nicht viele Leute von seinem Geburtstag erfahren würden. Da irrt er sich zum Glück, denn Wim Schellekens wurde und wird in Kirchenkreisen, aber auch in der Gesellschaft nach wie vor als Berater und Seelsorger geschätzt. Da er mit dem Rollator recht mobil ist, kann er sich drinnen wie draußen frei bewegen und auch die Mahlzeiten in Gemeinschaft einnehmen. Zwar weiß er nicht, wie die Mitarbeiter der Einrichtung das Jubiläum gestalten. Aber er freut sich bereits auf die Messe mit Dankgebeten, die es zu seinen Ehren geben wird.

Ganz selbstverständlich ist es nicht, dass Pater Wim noch immer regelmäßigen Kontakt zu Freunden, Bekannten und Kollegen halten kann. Das Fliedner-Haus litt in den letzten Monaten wie alle anderen Senioren-Einrichtungen unter den massiven Einschränkungen durch die Pandemie. Da es kaum Austausch mit der Umgebung gegeben habe, wären die Bewohner sehr unter sich geblieben. „Die Mitarbeiter haben uns einiges angeboten, um uns Abwechslung zu verschaffen. Sie müssen viel Geduld mit uns haben“, sagt der Pater. Er selbst habe sich meist zurückgezogen. „Ich bin keiner, der viel mit den Leuten unten zusammen ist.“ Dagegen trifft er sich jeden Dienstag gerne mit einer recht stabilen Runde zum Bibelkreis, den er früher geleitet hat. Auch in den Heimbeirat bringt er sich nach wie vor aktiv ein.

Während des Lockdowns hat er die täglichen Aufgaben, die ihm sein Beruf auferlegt, gewissenhaft weiter ausgeführt. „Ich habe jeden Tag im Stundengebet gelesen. Das sind Verpflichtungen. Man erwartet, dass wir das nach Möglichkeit tun“, sagt er mit Nachdruck. Damit rückt er etwas sehr Bedeutendes in den Vordergrund, nämlich seine Berufung als Priester und Jesuit, der er immer treu geblieben ist, und seine enge Bindung an die katholische Kirche. Wim Schellekens bedauert sehr, dass er wegen der Pandemie seit Monaten nicht mehr in der Kirche war. Früher sei er häufig von Bekannten abgeholt worden, aber das sei wegen der Hygienevorschriften aktuell nicht möglich. Umso mehr freut er sich, dass Pater Georg, der gemeinsam mit Pater Roy an St. Jakobus Altenkirchen tätig ist, zum Bibelkreis gehört. Wim Schellekens weiß, dass es für die beiden amtierenden Pfarrer nicht einfach ist, die Gemeinde zusammenzuhalten. Viele Amtshandlungen würden erschwert und der wichtige Dialog dadurch eingeschränkt. In Sachen Pandemie macht er sich keine Illusionen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Spontanität zurückkehrt.“ Besonders auffällig sei die Veränderung bei seinen Mitbewohnern, die zum Teil in eine Art Lethargie verfallen seien. „Sie erwarten nichts mehr.“ Sein Respekt gilt den Mitarbeitern des Heimes, die sich stets viel Mühe geben, um die Bewohner zu beschäftigen und abzulenken. Er selbst bleibt empathisch, wie es ihm sein Beruf viele, viele Jahre lang abverlangt hat. Denn wenn er gebraucht wird, dann ist er auch weiterhin da, der freundliche, zugewandte „Pater Wim“.

Autorin: Julia Hilgeroth-Buchner

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